Deutsche Sprache > Die Befreiung von Auschwitz (4/6)

arbeiten, wo sie die Leichen der Ermordeten verbrannten. Die anderen, Alte, viele

Frauen und Kinder, Schwangere, Kranke und Behinderte wurden sofort in die

Gaskammern geschickt. Darunter auch die Mutter

und zwei jüngere

Brüder von Lili Jacob. Die Zahl der zum sofortigen Tod selektierten Juden war zeitweise so groß, dass die Kapazität der Gaskammern

und der Krematorien nicht ausreichte.

Sie mussten dann zwischen den Bäumen hinter den Krematorien warten. Ihnen wurde ein Bad und die Einweisung ins

Lager angekündigt. Dennoch ahnten viele, was sie wirklich erwartete. Wer sich aber wehrte, wurde abgeführt

und auf der Stelle erschossen.

Die polnische Krankenschwester, Anna [...], Häftlingsnummer

44174, seit Mai 1943 in Birkenau, zeigte sowjetischen Journalisten zwei

Massengräber. Anfang Februar, nach Einsetzen der Schneeschmelze, wurden die Toten exhumiert.

Da im Januar 1945 nur noch ein Krematorium Betrieb war, wurden die Erschossenen, Verhungerten, die an Krankheiten wie Ruhr, Typhus und Tuberkulose gestroben, ebenso wie die durch Phenol-Spritzen Ermordeten, sie alle, Erwachsene, Kinder und Frühgeburten, in Massengräber geworfen.

In den ersten Tagen nach der Befreiung des Lagers nahm auf Veranlassung der Staatsanwaltschaft der ersten ukrainischen Front eine gerichtsmedizinische Kommission die Sektion an 536

Häftlingsleichen vor, die man an verschiedenen Stellen des Lagers gefunden hatte. Sie stellten fest, dass in 474 Fällen der Tod

als Folge von Hunger und Erschöpfung sowohl bei Erwachsenen als auch bei Kindern

eingetreten war.

"Ich glaube, dass nicht einmal unser Oberkommando unserer Armee das Ausmaß der Verbrechen in diesem größten aller Konzentrationslager ahnte. Diese Erinnerung habe ich für mein restliches Leben behalten. Alles was ich sah, hat einen tiefen Eindruck in mir hinterlassen und war das Schrecklichste, was ich im Krieg gesehen bzw. aufgenommen habe."

Unter Aufsicht sowjetischer Soldaten trugen Männer in der Umgebung die Reste des von der SS im Januar 1945 gesprengten Krematoriums 5 ab.

Schon im November 1944 hatte die SS

begonnen, die Krematorien 2 und 3 zu demontieren und Häftlinge der Sonderkommandos zu der Aktion "Spurenbeseitigung" eingesetzt.

Das Krematorium 4 war um 7. Oktober 1944 während eines Aufstandes von Juden der Sonderkommandos in Brand

gesetzt worden. Nach dem Krieg fand man auf dem Terrain

der Krematorien von Mitgliedern der Sonderkommandos vergrabene Handschriften. Zusammen mit den Aussagen überlebender Häftlinge sind

diese Dokumente wichtiges Beweismaterial für die hier verübten Verbrechen.

Birkenau und Monowitz wurden Anfang März 1945 geschlossen. Alle befreiten Häftlinge waren im ehemaligen Stammlager

Auschwitz untergebracht worden. Dort hatte man in sieben Blöcken

Krankenstationen eingerichtet. Das Gebiet des Lagers Birkenau ist heute Gedenkstätte. Von den Baracken in Monowitz ist fast nichts mehr zu sehen.

Die sowjetische Sonderkommission protokollierte alle Aussagen von Häftlingen, um sie als Beweismaterial für ihre Anklageschrift beim Nürnberger Prozess verwenden zu können. Leiter der Kommission im Generalsrang war Dmitri Iwanowitsch [...]. Er war bei allen Führungen anwesend, zeigte Journalisten das Lagergebiet und führte die Gespräche

mit den Überlebenden.

Durch Augenzeugenberichte über die Verbrechen wurden den Sowjets das

Ausmaß und die Grausamkeit der planmäßigen Maßenvernichtung bewußt.

Henry Limousin, Professor für Pathologie, berichtet von der Ermordung Arbeitsunfähiger durch Spritzen. Der Professor für Pädiatrie an der Universität Prag, Berthold Ebstein, erzählte:

"Die Aufseher sind mit den Häftlingen wie mit Tieren umgegangen.

Und ich hatte fast täglich die Spuren dieser Behandlung zu sehen und zu versorgen. Die Häftlinge warfen sich auf elektrischen Zäune,

um den Qualen ein Ende zu setzen." Ähnliches berichtete Professor Géza Mansfeld, Mitglied der ungarischen Akademie, so auch Bruno Siegmund Fischer, Spezialist für Neurologie in Prag. Die Professoren führten die Kommission durch den Strafblock und zu dem Hof, in dem die Erschießungen stattgefunden hatten. Sie erklärten

die Funktion eines fahrbaren Galgens.

Zur Abschreckung wurde nach dem Abendappell

vor den Augen der angetretenen Häftlinge

Erhängungen vorgenommen. Grund für die Todesurteile waren Fluchtversuche oder organisierter Widerstand. Für Massenhinrichtungen wurden zusätzliche Galgen errichtet.

Die letzte Hinrichtung erfolgte am 6. Januar 1945, 20 Tage vor der Befreiung. Vier junge Jüdinnen wurden gehängt, weil die SS durch Folter

und über Spitzel erfahren hatte, dass sie in das Beschaffen von Sprengstoff für den Aufstand der Sonderkommandos verwickelt waren.

Todesurteile im Lager konnten auch auf Erschießen oder

Verhungern lauten. Wurde zum Beispiel die Flucht eines Häftlings bekannt, dann selektierte die SS zehn oder mehr Häftlinge aus dem Block des Geflohenen und verurteilte diese zum Tod durch Verhungern. Bekannt geworden ist der polnische Franziskaner Pater

Maximilian Kolbe, der anstelle eines zum Hungertod verurteilten Mithäftlings für diesen in den Tod ging. "Als wir uns mit den Menschen unterhielte und erklären, wer wir sind und wozu wir gekommen waren, hatten sie etwas mehr Vertrauen zu uns, mehr Wärme. Die Frauen weinten, die Männer auch. Wozu es verbergen. Die Kinder, sie verstanden nicht, was geschieht, wer wir sind und wozu wir gekommen sind. Später wurde es ihnen von den Eltern erklärt. Sie fingen an, etwas zu Lächeln, die Augen voller Tränen.

Die Kinder zeigten den Kameraleuten die Nummern, die ihnen

eintätowiert worden waren. Namen hatten sie nicht mehr. Der Großteil der jüdischen Kinder war während der

Selektionen als arbeitsunfähig eingestuft und darum

gleich nach der Ankunft im Lager vergast worden. Einige wurden

sogar bei lebendigen Leibe verbrannt. Weitere Kinder und Jugendliche, unter ihnen auch solche nicht-jüdischer Herkunft, wurden bei verschiedenen, schweren Arbeiten eingesetzt.

Unter den befreiten Häftlingen waren über 400 Kinder, gezeichnet von den

grauenhaften Lagererfahrungen.

Jetzt mussten sie lernen, den Albtraum zu überwinden.

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